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Wir, die Lebensdesigner

Noch nie hatten die Menschen mehr Wahlmöglichkeiten als heute. Praktisch jeden Bereich unseres Lebens können wir selbstbestimmt gestalten, vom Job über Freizeit und Konsum bis hin zu Mobilität. Doch macht uns das wirklich glücklich?

10.09.2020

  • Lifestyle

Vielleicht möchtest du gerade mehr Entspannung in dein Leben bringen. Und denkst darüber nach, wie du das am besten tun kannst. Lockt die Couch im Wohnzimmer? Oder fällt dir dein Yoga-Abo ein, das du fleissiger nutzen solltest? Natürlich wäre auch Planschen im Thermalbad schön. Oder du lädst einfach diese neue Meditations-App herunter, von der deine Freunde immer erzählen.

 

Ob Entspannung oder Bewegung, ob Ernährung oder Freizeitgestaltung, es gibt heute für fast jedes Bedürfnis einen ganzen Blumenstrauss an erfüllenden Möglichkeiten. Mehr noch, wir können immer fundamentalere Lebensbereiche immer freier gestalten: Berufswahl und Karrierewege, sexuelle Identität und Familienleben, Rollenbilder und soziale Beziehungen sind plötzlich entscheidbar geworden. Wir leben in einem Zeitalter der Wahlfreiheit, der Selbstverwirklichung – und damit der Individualisierung. Das war nicht immer so.

Individualisierung ist eine Errungenschaft

Lange Zeit liess die Gesellschaft kaum Freiraum für eine abweichende oder selbstentworfene Lebensführung, sondern auferlegte den Menschen starre Regeln und Traditionen. Frag mal deine Grosseltern, wie es «damals» war mit Berufswechseln oder Patchworkfamilien; Du wirst schnell merken, wie freiheitlich wir heute leben dürfen. Die Modernisierung der westlichen Welt trug stark zu dieser Entwicklung bei: Kürzere Arbeitszeiten führten dazu, dass Freizeitaktivitäten und eigene Interessen mehr Gewicht bekamen. Das steigende Bildungsniveau förderte die Auseinandersetzung der Menschen mit sich selbst, ihren Wünschen und Bedürfnissen, und ermöglichte Karriere und sozialen Aufstieg. Und der steigende Wohlstand liess die neuen Träume nach und nach wahr werden.

Die sprichwörtliche Qual der Wahl

Heute gilt die Individualisierung als gesellschaftlicher Megatrend. Unabhängig und frei zu sein ist jungen Leuten enorm wichtig, wie eine Umfrage zeigt: Gleich hinter dem obersten Ziel, «gesund zu sein» (93%) rangiert mit 90% die «Unabhängigkeit, sein Leben selbst gestalten zu können» (Trendmonitor Versicherung Heidelberger Leben). Macht unsere Multioptionsgesellschaft also restlos glücklich?

Grossunternehmen wie Nike erkannten früh den Megatrend und geben die Möglichkeit, ihre Produkte individuell zu gestalten.

Nein. Denn wo mehr Möglichkeiten, da mehr Entscheidungen. Und diese beinhalten immer einen Verzicht – also etwas, das man nicht tun, nicht kaufen oder nicht erfahren kann. Bedenkt man, dass Hirnforscher von 20’000 (grösstenteils unbewussten) Entscheidungen ausgehen, die wir tagtäglich treffen, wird schnell klar, wie schwer die Kehrseite der Medaille wiegen kann. Aus Gestaltungsmöglichkeit wird plötzlich Gestaltungspflicht. Psychologen sprechen deshalb bereits von einer «Tyrannei der Wahl», welche Menschen überfordern und erdrücken kann. So bringen unsere Freiheiten ihre ganz eigene Art von Stress mit sich.

Der Lebensstil ist Statement und Markttreiber zugleich

Die Freiräume des Einzelnen werden immer grösser, die Palette an Lebenskonzepten immer breiter. Dadurch werden wir zu Designern unserer eigenen Identität: Wer wollen wir sein? Wie wollen wir leben? Was konsumieren wir, und welche Wertehaltung vertreten wir dadurch? Denn ob jemand etwa sein Gemüse vom Grossverteiler, aus dem Gemüsekorb des nächsten Bauernhofes oder von einem Anti-Food-Waste-Projekt bezieht, ob er biologisch oder konventionell, saisonal oder/und regional einkauft, ist oft mehr als ein blosser Entscheid. Es ist ein Statement.

Auf diese Statements reagiert der Markt. Einerseits mit verschiedensten Labels (wie z.B. Fairtrade oder Bio), andererseits mit spezifisch zugeschnittenen Produkten. Vom selbstgemixten Müesli über selbstdesignte Sneakers bis hin zu eigens erstellten Parfums und Möbeln gibt es fast kein Produkt mehr, das sich nicht personalisieren liesse. KPMG-Marktumfragen zeigen, dass die Hälfte der Verbraucher solche Produkte deutlich interessanter finden als Massenware. Und dass sie darum bereit sind, tiefer in die Tasche zu greifen. Damit ist die Individualisierung einer der grössten Treiber der Wirtschaft.

Mymuesli stellt individualisierte Müsli aus ökologischen Zutaten her. Damit hat das Unternehmen den Nerv der Zeit getroffen. Copyright: mymuesli.

Mehr Sharing-Angebote

Diese Entwicklung macht auch vor der Mobilität nicht halt: «Sie wird multimodaler und vielfältiger», bestätigt Verkehrsexperte Timo Ohnmacht. So stehen verschiedenste Verkehrsmittel bereit, sei es auf der Strasse, der Schiene oder in der Luft. Das nutzen Schweizerinnen und Schweizer: Jeder legt durchschnittlich 36.8 Kilometer pro Tag zurück, fast zwei Kilometer mehr als noch zur Jahrtausendwende. Zudem sind wir Vielflieger: Im Vergleich zu unseren Nachbarländern steigen wir doppelt so häufig in ein Flugzeug. Was vorteilhaft für den Einzelnen sein mag, ist schlecht für die Umwelt. «Obwohl das Bewusstsein da ist, ändern viele Leute nichts an ihrem Verhalten», weiss Ohnmacht. Umso wichtiger sei es, dass sowohl politisch Leitplanken gesetzt würden, als auch, dass Sharing-Anbieter den Trend der Individualisierung aufgreifen und möglichst viele Leute von nachhaltiger Mobilität überzeugen würden.

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