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"Die Menschen werden sich auf Dauer nicht einschränken lassen."

Mit der Corona-Pandemie durchleben wir derzeit einen Krisenmodus, wie er seit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren nicht mehr existierte. Werden wir nach bewältigter Krise zu ganz anderen Menschen in einer ganz anderen Welt? Darüber hat Mobility mit dem Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos gesprochen. Eine Momentaufnahme von Ostern 2020.

Derzeit gelten aussergewöhnliche Corona-Verhaltensregeln. Welche davon werden Ihres Erachtens für den einzelnen Menschen normal werden?

Ich gehe davon aus, dass wir noch länger mit Corona leben werden. Bevor wir nicht eine Impfung zumindest für vulnerable Personen zur Verfügung haben, werden diese besonders geschützt werden müssen – und das bedeutet wiederum, gewisse Regeln einzuhalten. Menschen ausserhalb der Risikogruppen werden vielleicht noch eine Weile zurückhaltender sein beim Begrüssungsküsschen; das dürfte sich jedoch legen – zumindest, wenn nun nichts Schlimmeres mehr passiert.

"Freiheit und Sicherheit sind immer in einem Spannungsverhältnis."

Und was dürfte für Unternehmen und Organisationen zur Normalität werden?

Da sehe ich die Chance, dass die Unternehmen, die Gesellschaft und insbesondere die Gesundheitsversorgung punkto digitaler Transformation hinzulernen werden. Viele Unternehmen haben beispielsweise erst jetzt die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, um das Arbeiten von zuhause, von unterwegs oder aus Co-Working-Stätten zu ermöglichen. Weil die örtliche Flexibilisierung der Arbeit für viele Menschen attraktiv ist, wird einiges davon erhalten bleiben. Und das Faxgerät in Arztpraxen hat wohl bald endgültig ausgedient.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wird es den Effekt geben, monatelang Verpasstes zu kompensieren?

Viele sehnen sich danach, wieder mal auswärts essen zu gehen, eine Bar zu besuchen oder ein Fussballspiel zu schauen. Und natürlich auch, in die Ferien zu reisen. Aber allzu viel wird sich gar nicht kompensieren lassen: Wenn die Sommersaison gelaufen ist, kaufe ich keine Sommerkleider mehr. Und ich werde auch kaum jeden Abend ins Restaurant gehen. An einen starken Reboundeffekt glaube ich daher nicht, obwohl es für die Wirtschaft gut wäre, wenn die Konsumentenstimmung nach Aufhebung der Restriktionen bald wieder positiv würde.

"Der Individual- und Autoverkehr wird zunehmen, für Arbeit wie Freizeit."

Datenschutz und generell der Schutz der Privatsphäre sind durch Corona weiter unter Druck geraten. Werden die Menschen das akzeptieren?

Das ist eine kritische Frage, die ich in zwei Szenarien beantworte. Das erste lautet Bio-Control-Szenario: Der Staat bestimmt über unseren Körper, indem er uns vorschreibt, wie wir uns reinlich-keimfrei halten und wie nahe wir anderen Menschen kommen dürfen. Sollte die Angst noch lange anhalten oder gar zunehmen – etwa aufgrund nachfolgender Pandemiewellen –, steigt die Neigung von Politik und Wirtschaft, die hygienischen Kontrollmassnahmen auszubauen. Freiheit und Sicherheit sind dabei immer in einem Spannungsverhältnis: Mit steigenden Risiken könnte die Bereitschaft zunehmen, sich einschränken zu lassen. Dazu würden dann auch digitale Mittel eingesetzt, denn sie sind dafür bestens geeignet.

Und das zweite Szenario?

In diesem Modell nimmt das Bewusstsein über den Wert von Privatsphäre, Bewegungsfreiheit und demokratisch legitimierter Machtausübung zu, gerade durch die Erfahrung des Ausnahmezustandes. Die Bevölkerung hat anschaulich vor Augen, was die Einschränkung vieler liberaler Werte bedeutet, und wehrt sich dagegen. Aus heutiger Sicht ist das zweite Szenario wahrscheinlicher: Wir werden uns auf Dauer nicht einschränken lassen.

Wie wird sich die Mobilität verändern?

Es ist mit einer Zunahme des Individual- und Autoverkehrs zu rechnen, sowohl für den Arbeitsweg wie auch für Freizeitbedürfnisse.

Wie kommen Sie darauf?

Ich erwarte, dass der öffentliche Verkehr noch einige Zeit eine tiefere Belegung haben wird als vorher: Im vollgepferchten Bus oder Zug möchte so schnell niemand mehr unterwegs sein. Viele Leute werden, wenn immer möglich, auf andere Transportträger ausweichen. Zudem gehe ich davon aus, dass Unternehmen auch nach Corona mehr Mitarbeitenden als bisher die Möglichkeit bieten, einen Teil der Arbeit von zuhause oder aus dem Co-Working-Space zu erledigen. Das führt ebenfalls zu einem leichten Rückgang der Pendlermobilität im ÖV. Die Luftfahrtindustrie rechnet meiner Meinung nach zu Recht damit, dass die Vor-Corona-Frequenzen lange nicht mehr erreicht werden, denn Auslandferien werden wohl noch einige Monate kaum gebucht werden. Dem Trend zur Elektrifizierung von Autos und Rollern wird Corona hingegen nichts anhaben.

Georges T. Roos, Gründer eines privat finanzierten Zukunftsforschungsinstituts und der European Futurist Conference Lucerne, ist der führende Zukunftsforscher der Schweiz, gefragter Keynote-Referent und Autor verschiedener Studien.
Information: www.kultinno.ch