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Wir, die Lebensdesigner

Noch nie hatten die Menschen mehr Wahlmöglichkeiten als heute. Praktisch jeden Bereich unseres Lebens können wir selbstbestimmt gestalten, vom Job über Freizeit und Konsum bis hin zu Mobilität. Doch macht uns das wirklich glücklich?

Vielleicht möchten Sie gerade mehr Entspannung in Ihr Leben bringen. Und denken darüber nach, wie Sie das am besten tun könnten. Lockt die Couch im Wohnzimmer? Oder fällt Ihnen Ihr Yoga-Abo ein, das Sie fleissiger nutzen sollten? Natürlich wäre auch Planschen im Thermalbad schön. Oder Sie laden einfach diese neue Meditations-App herunter, von der Ihre Freunde immer erzählen.

Ob Entspannung oder Bewegung, ob Ernährung oder Freizeitgestaltung, es gibt heute für fast jedes Bedürfnis einen ganzen Blumenstrauss an erfüllenden Möglichkeiten. Mehr noch, wir können immer fundamentalere Lebensbereiche immer freier gestalten: Berufswahl und Karrierewege, sexuelle Identität und Familienleben, Rollenbilder und soziale Beziehungen sind plötzlich entscheidbar geworden. Wir leben in einem Zeitalter der Wahlfreiheit, der Selbstverwirklichung – und damit der Individualisierung. Das war nicht immer so.

Individualisierung ist eine Errungenschaft
Lange Zeit liess die Gesellschaft kaum Freiraum für eine abweichende oder selbstentworfene Lebensführung, sondern auferlegte den Menschen starre Regeln und Traditionen. Fragen Sie mal Ihre Grosseltern, wie es "damals" war mit Berufswechseln oder Patchworkfamilien; Sie werden schnell merken, wie freiheitlich wir heute leben dürfen. Die Modernisierung der westlichen Welt trug stark zu dieser Entwicklung bei: Kürzere Arbeitszeiten führten dazu, dass Freizeitaktivitäten und eigene Interessen mehr Gewicht bekamen. Das steigende Bildungsniveau förderte die Auseinandersetzung der Menschen mit sich selbst, ihren Wünschen und Bedürfnissen, und ermöglichte Karriere und sozialen Aufstieg. Und der steigende Wohlstand liess die neuen Träume nach und nach wahr werden.

Die sprichwörtliche Qual der Wahl
Heute gilt die Individualisierung als gesellschaftlicher Megatrend. Unabhängig und frei zu sein ist jungen Leuten enorm wichtig, wie eine Umfrage zeigt: Gleich hinter dem obersten Ziel, "gesund zu sein" (93%) rangiert mit 90% die "Unabhängigkeit, sein Leben selbst gestalten zu können" (Trendmonitor Versicherung Heidelberger Leben). Macht unsere Multioptionsgesellschaft also restlos glücklich?

Nein. Denn wo mehr Möglichkeiten, da mehr Entscheidungen. Und diese beinhalten immer einen Verzicht – also etwas, das man nicht tun, nicht kaufen oder nicht erfahren kann. Bedenkt man, dass Hirnforscher von 20’000 (grösstenteils unbewussten) Entscheidungen ausgehen, die wir tagtäglich treffen, wird schnell klar, wie schwer die Kehrseite der Medaille wiegen kann. Aus Gestaltungsmöglichkeit wird plötzlich Gestaltungspflicht. Psychologen sprechen deshalb bereits von einer "Tyrannei der Wahl", welche Menschen überfordern und erdrücken kann. So bringen unsere Freiheiten ihre ganz eigene Art von Stress mit sich.

Der Lebensstil ist Statement und Markttreiber zugleich
Die Freiräume des Einzelnen werden immer grösser, die Palette an Lebenskonzepten immer breiter. Dadurch werden wir zu Designern unserer eigenen Identität: Wer wollen wir sein? Wie wollen wir leben? Was konsumieren wir, und welche Wertehaltung vertreten wir dadurch? Denn ob jemand etwa sein Gemüse vom Grossverteiler, aus dem Gemüsekorb des nächsten Bauernhofes oder von einem Anti-Food-Waste-Projekt bezieht, ob er biologisch oder konventionell, saisonal oder/und regional einkauft, ist oft mehr als ein blosser Entscheid. Es ist ein Statement.

Auf diese Statements reagiert der Markt. Einerseits mit verschiedensten Labels (wie z.B. Fairtrade oder Bio), andererseits mit spezifisch zugeschnittenen Produkten. Vom selbstgemixten Müesli über selbstdesignte Sneakers bis hin zu eigens erstellten Parfums und Möbeln gibt es fast kein Produkt mehr, das sich nicht personalisieren liesse. KPMG-Marktumfragen zeigen, dass die Hälfte der Verbraucher solche Produkte deutlich interessanter finden als Massenware. Und dass sie darum bereit sind, tiefer in die Tasche zu greifen. Damit ist die Individualisierung einer der grössten Treiber der Wirtschaft.

Mehr Sharing-Angebote
Diese Entwicklung macht auch vor der Mobilität nicht halt: "Sie wird multimodaler und vielfältiger", bestätigt Verkehrsexperte Timo Ohnmacht (siehe Interview). So stehen verschiedenste Verkehrsmittel bereit, sei es auf der Strasse, der Schiene oder in der Luft. Das nutzen Schweizerinnen und Schweizer: Jeder legt durchschnittlich 36.8 Kilometer pro Tag zurück, fast zwei Kilometer mehr als noch zur Jahrtausendwende. Zudem sind wir Vielflieger: Im Vergleich zu unseren Nachbarländern steigen wir doppelt so häufig in ein Flugzeug. Was vorteilhaft für den Einzelnen sein mag, ist schlecht für die Umwelt. "Obwohl das Bewusstsein da ist, ändern viele Leute nichts an ihrem Verhalten", weiss Ohnmacht. Umso wichtiger sei es, dass sowohl politisch Leitplanken gesetzt würden, als auch, dass Sharing-Anbieter den Trend der Individualisierung aufgreifen und möglichst viele Leute von nachhaltiger Mobilität überzeugen würden.

Die Schweizer Sharing-Anbieterin Mobility tut genau das: Sie vervielfältigt ihr Angebot. Musste man Fahrzeuge früher immer an den Ausgangsstandort zurückbringen, gibt es mit Mobility-One-Way (Fahrten von Ort zu Ort) oder Mobility-Go (Freefloating in Städten) inzwischen Angebote, dank derer sich Autos einfach am Zielort stehen lassen. Da viele Mobility-Kunden auf Privatautos verzichten, ersetzt ein Sharing-Fahrzeug zehn Privatautos.