Ihr Browser ist veraltet und wird nicht mehr unterstützt. Zur fehlerfreien Betrachtung dieser Webseite benötigen Sie einen aktuellen Browser. Bitte führen Sie ein Upgrade auf einen moderneren Browser aus. Besten Dank.
Chrome Internet Explorer Safari Firefox

FOKUS

Besitzen war gestern!

Im Zuge der digitalen Revolution erlebt die Sharing Economy einen Boom: Noch nie haben sich die Menschen derart viele Dienstleistungen und Dinge geteilt wie heute. Wir beleuchten die vielfältigen Facetten dieses Megatrends.

Teilen: Was mit Autos angefangen hat, hält Einzug in immer mehr Lebensbereiche.

Heutzutage gibt es fast nichts, was man sich nicht teilen könnte. Ich buche Ferienwohnungen über AirBnB, fahre Auto mit Mobility, beziehe Räume im Gemeinschaftsbüro, lasse Hausarbeiten von einem "alten Sack" erledigen – so die Werbung von RentARentner –, reserviere eine Bohrmaschine für einen Tag, finanziere mein Start-up per Crowdfunding und leihe mir Uni-Bücher semesterweise aus, statt sie teuer zu erwerben. Dabei treibt der Sharing-Trend mitunter bunte Blüten: In den USA können sich Damen die Dienste einer "Wingwoman" sichern, deren Aufgabe es ist, an Partys in die Rolle der "besten Freundin" zu schlüpfen und beim Flirtpartner der Wahl für einen das Eis zu brechen.

Die NZZ hat Mobility unter die wichtigsten Geschäftsideen weltweit eingereiht.

Web 2.0 war die Initialzündung
Die Sharing Economy hat sich innert weniger Jahre vom Nischenphänomen zum globalen Megatrend entwickelt. Ihr Nährboden ist das "Web 2.0": Internetnutzer konsumieren Inhalte nicht mehr nur, sondern erstellen und teilen diese selber, allen voran in sozialen Netzwerken. Alleine auf Facebook postet ein Durchschnittsnutzer drei Beiträge pro Tag, was total 22 Milliarden Klicks auf "Gefällt mir" oder "Teilen" auslöst. Hält man sich dies vor Augen, erstaunt es nicht, dass das Teilen von Informationen auf das Teilen von Dingen übergeschwappt ist. Bahnbrechend ist dabei nicht das Konzept – geteilt wurde schon immer –, sondern die Dimension, welche es annimmt. Mit unseren Smartphones teilen wir heute nämlich rund um die Uhr und überall, und das meistens erst noch zu günstigeren Preisen als bei herkömmlichen Anbietern. Die junge Generation ist davon so sehr angetan, dass sie einen regelrechten Wertewandel durchläuft: Der Zugang zu einem Gut ist für sie wichtiger als dessen Besitz.

AirBnB als Paradebeispiel
Die Sharing-Plattformen sehen sich also vor einer höchst attraktiven Ausgangslage, umso mehr, als dass der Grossteil gar keine eigenen Produkte besitzt, lagert oder transportiert, sondern lediglich den Vermittler zwischen Anbieter und Interessent spielt. Das lohnt sich, wie AirBnB beweist: Obwohl dieses kalifornische Unternehmen erst vor sieben Jahren das Licht der Welt erblickte, ist es heute gleich wertvoll wie die Hilton-Hotelgruppe. Auch Mobility mit ihrem Konzept wird von den Medien immer wieder als erfolgreiches Beispiel herangezogen. So führte die NZZ das Luzerner Unternehmen erst kürzlich unter den wichtigsten Geschäftsideen weltweit auf.

Einige Branchen stehen kopf
Transport und Hotellerie sind denn auch jene zwei Geschäftsfelder, welche die Sharing Economy am kräftigsten durcheinanderwirbelt. Viele traditionelle Unternehmen sehen sich zum Umdenken gezwungen. So steigt ein Autobauer nach dem anderen ins Carsharing-Geschäft ein, zuletzt General Motors. Ebenfalls neue Ideen entwickeln Schweizer Hoteliers. Indem sie beispielsweise Saisonangestellte untereinander weitervermitteln, reduzieren sie ihre Kosten für Personalsuche und -einarbeitung.

Investitionen schnellen in die Höhe
Derweil fliessen schwindelerregende Summen in neue Sharing-Start-ups. Laut der Unternehmensberatung Deloitte nehmen Investoren weltweit fast doppelt so viel Geld in die Hand (2014: sechs Milliarden Dollar) wie für Start-Ups im Bereich der sozialen Netzwerke. Auch in der Schweiz finden sich inzwischen einige potente Geldgeber, zumal der hiesige Markt einen grossen Vorteil bietet: Während andere Länder mit Regulierungen und Verboten auf den Erfolg von Konzepten wie Uber reagierten, haben die Schweizer Behörden bisher grösstenteils auf rasche staatliche Eingriffe verzichtet.

Trotzdem gibt es keine Erfolgsgarantie
Wer nun denkt, dass er das Geld nur noch von der Strasse aufzuheben braucht, sieht sich getäuscht. Wie jedes andere Unternehmen benötigen Sharing-Plattformen eine solide langfristige Finanzierung, einen ausreichend grossen Markt, Konkurrenzfähigkeit sowie die Kunst, mit einem innovativen Konzept die Bedürfnisse der Menschen zu treffen. In Amerika ist beispielsweise "Grubwithus" an der Unlust der Leute gescheitert, mit Unbekannten essen zu gehen und sich die Rechnung zu teilen. Genauso stellte das Schweizer Portal "BringBee" den Betrieb ein, über das man Einkäufe von anderen Usern erledigen lassen konnte.

Leute teilen jene Dinge gerne, die austauschbar sind und keinen besonderen persönlichen Wert haben.

Studie "Sharity", GDI

Wir teilen nicht alle(s) gleich gerne
Die derzeitigen Affinitäten und Präferenzen von Herrn und Frau Schweizer dürften sich zwar langfristig verwischen, doch lohnt es sich für Unternehmer, sie derzeit noch im Hinterkopf zu haben: Junge teilen eher als Ältere, Frauen eher als Männer; 65% der Westschweizer bezeichnen sich als Sharing-Anhänger, während dies nur jeder dritte Deutschschweizer tut. Zudem kommt das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in seiner Studie "Sharity" zum Schluss: Leute teilen jene Dinge gerne, die austauschbar sind und keinen besonderen persönlichen Wert haben, also Informationen, Werkzeuge, Essen oder Bücher. Alles hingegen, was persönlichen Wert besitzt oder mit Hygiene zu tun hat, ist eindeutig schwieriger vermittelbar (unter anderem Handtaschen, Schmuck, Mobiltelefone, Schlafsäcke).

Rosige Zukunftsaussichten
Wenn man bedenkt, dass die Wertschöpfung der Schweizer Sharing Economy weniger als einen Hundertstel des Bruttoinlandprodukts ausmacht (Berechnung: Credit Suisse) und dass viele Menschen gemäss Studien zwar bereit sind zu teilen, es aber noch nicht tun, gibt es nur eine Schlussfolgerung: Das Potenzial des Teilens ist riesig! Man darf gespannt sein, wie es in Zukunft genutzt wird.