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NACHGEFRAGT

"Ich finde Mobilität generell zu billig."

Der Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht ist von der Wirksamkeit des Gotthard-Tunnels überzeugt – und sieht in Lenkungsabgaben Vorteile für alle. Wir haben mit ihm gesprochen.

Weiss, wie der Hase läuft: Timo Ohnmacht doziert Verkehrspolitik an der Hochschule Luzern.

Timo Ohnmacht, das Wort "Verkehrskollaps" geistert  immer öfter durch die Medien. Wie beurteilenSie die Leistungsfähigkeit der Schweizer Verkehrsinfrastruktur?
Wir haben ein gut funktionierendes System, das jedoch zu Spitzenzeiten immer wieder an seine Kapazitätsgrenzen stösst. Zudem wird jeder Ausbau binnen kurzem von einer höheren Nachfrage eingeholt, weil neue Möglichkeiten neue Bedürfnisse schaff en. Zudem trägt das Bevölkerungswachstum mit rund ein Prozent pro Jahr zur erhöhten Nachfrage bei. Die Kapazitätsfrage in Spitzenzeiten wird uns in Zukunft also weiter beschäftigen.

Die Kapazitätsfrage wird uns in Zukunft weiter beschäftigen.

Timo Ohnmacht, Verkehrssoziologe

Welches Verkehrsmittel ist denn Ihr Hoffnungsträger, wenn es um die Entlastung der Gesamtverkehrssituation geht?
Langfristig gesehen keines. Mein persönlicher Hoffnungsträger ist ein Lebensstil der kurzen Wege: Wir müssen Strukturen schaffen, die es Menschen ermöglichen, aus unserer distanzintensiven Mobilitätsspirale auszubrechen. Positiv finde ich, dass die Schweiz bereits ein Land der multimodalen Mobilität ist. Während es in Deutschland oder Frankreich oft um die Frage "entweder ... oder" geht – also Privatauto versus andere Verkehrsmittel –, ist die Schweiz ein Land des "Sowohl-als-auch".

Wir sehen Carsharing als Teil dieses "Sowohl-alsauch".
Ich ebenso. Carsharing heisst für mich, dass nur falls nötig ein Auto genutzt wird und dass der ÖV, das Velo oder die Füsse echte Alternativen darstellen. Dadurch ist das Autoteilen einer jener Faktoren, die Stadtzentren von Verkehr entlasten und lebenswert machen können. Oft ist man sich gar nicht mehr bewusst, welche Einbussen an Lebensqualität autogerechte Städte mit sich bringen.

Der Gotthard-Tunnel bringt nun den Schwerverkehr auf die Schiene. Eine effiziente Massnahme?
Der Huckepackverkehr durch die NEAT ist der beste Schutz vor Verkehrsbelastung. Das Ziel für das Jahr 2018 liegt bei 650’000 LKW pro Jahr, eine Zahl, von der wir ohne neuen Gotthard-Tunnel nur träumen könnten. Zudem sollte der Bund sich überlegen, Strassenfahrt-Kontingente zu versteigern, um das Ziel umsetzen zu können. Dadurch könnten externe Kosten wie Umweltverschmutzung refinanziert werden.

Lenkungsabgaben sind aber ein heisses politisches Eisen.
Wenn man bedenkt, was Mobilität anrichtet, auch im Sozialen, finde ich sie generell zu billig. Zudem ist es eine Schweizer Eigenheit, die Verkehrsträger politisch gegeneinander auszuspielen. In Deutschland nehme ich diese Diskussion nicht so wahr: Dort geht es vielmehr darum, wie sich Verkehrsträger gegenseitig unterstützen können. Wenn Gelder aus dem motorisierten Individualverkehr teilweise dem öffentlichen Verkehr zufliessen, nützt dies auch den Autofahrern, da sonst die Strassen noch mehr verstopft wären.