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Drohnentaxis – wird der Himmel zum Verkehrsweg?

Wenn auf der Erde kein Platz mehr ist, geht’s in die Luft: Viele Firmen und Dutzende Startups arbeiten an Drohnen, die Menschen transportieren können. Zunächst noch mit Pilot, später autonom, so die Vision. Fazit: Die Konzeptumsetzung ist ungewiss – und mittelfristig kaum massentauglich.

11.09.2020

  • Zukunft

Du sitzt am Strand. Sanfte Brise, tiefroter Sonnenuntergang. Herrlich entspannend – bis ein hochfrequentes Surren dein Trommelfell traktiert. Ja, Drohnen können gewaltig nerven, gerade, wenn Pauschaltouristen damit jeden erdenklichen Urlaubsmoment festhalten. Doch anderweitig tun sie viel Gutes. Etwa in der Unterstützung von Rettungskräften und Polizei, der Versorgung von Katastrophenopfern, beim Aufspüren toxischer Belastungen oder zur Kontrolle von Ernten. Um den «Mini-Helikoptern» Leitplanken zu geben, übernimmt die Schweiz bald die neue europäische Drohnenregulierung. Und erst kürzlich hat sie mit der US-amerikanischen Luftfahrtbehörde eine engere Kooperation vereinbart. So weit, so gut. Bleibt die Frage: Wie sieht es mit den «grossen Geschwistern» aus – den Flugtaxis als Teil des Verkehrssystems?

Klingende Firmennamen im Wettlauf

Die Europäische Union investierte bereits im Jahr 2011 in Forschungsprojekte, um Technologien für den Luftpersonenverkehr zu entwickeln. Im Projekt «MyCopter» tüftelten Wissenschaftler an Steuerungssystemen, Bedien-Interfaces und Navigationssystemen. Inzwischen beinhaltet die lange Liste an Unternehmen, die sich mit fliegenden Fortbewegungsmitteln befassen, Namen wie Airbus, Uber, Bosch, Intel, Audi, Daimler oder Microsoft. Dazu kommen viele Startups wie zum Beispiel die Daimler-Tochter Volocopter, deren Unternehmensversprechen sinnbildlich für alle Bestrebungen der Branche lautet: «We bring urban air mobility to life.»

«Taxis der Lüfte» eignen sich besonders für Grossstädte …

Die Welt ist mit einem stetig wachsenden Mobilitätsbedarf konfrontiert. Die neuen und zukunftsträchtigen Formen der Fortbewegung lassen sich auf vier Schlagworte verdichten: vernetzt, digital, postfossil, geteilt. Alles Kriterien, die die Taxidrohnen erfüllen. Zudem haben sie einen einfachen, aber entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Verkehrsmitteln, weiss Michel Guillaume von der «Mobility and Transportation Conference» der Zürcher Hochschule für Engineering: «Bis zu einer Höhe von 150 Metern gibt es noch viel Platz.» Dieser Platz wird umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass im Jahr 2030 geschätzte 60% der Weltbevölkerung (also bis zu 5 Milliarden Menschen) in Städten leben werden. Es sind denn auch Cities wie Singapur, Dubai, Dallas und Los Angeles, wo bereits bemannte Testflüge stattgefunden haben und wo der kommerzielle Flugbetrieb schon bald aufgenommen werden soll. Hier also liegt das Potenzial: in Städten ab fünf Millionen Einwohnern.

« Vernetzt, digital, postfossil und geteilt – das ist die Mobilität der Zukunft. »
Michel Guillaume von der «Mobility and Transportation Conference»

… in Schwellen- und Entwicklungsländern

Insbesondere die überfüllten Megacities in Schwellen- und Entwicklungsländern sind interessante Märkte. «5ʼ000 bis 10ʼ000 obere Führungskräfte mit extrem gepackten Terminkalendern suchen in 20- bis 30-Millionen-Städten händeringend nach Mobilitätsantworten», erläutert Stefan Levadak vom Institut für Flugsystemtechnik in Braunschweig. In São Paulo zum Beispiel sind Helikopterflüge ausgebucht – zu Viertelstundenpreisen von über 1ʼ000 Dollar. Hingegen stufen Experten das Potenzial für westliche Industrienationen bedeutend kleiner ein. Denn: Hier ist der öffentliche Nahverkehr meist bereits gut ausgebaut. So dürften Flugtaxis in Ländern wie Deutschland und der Schweiz ein Nischenmarkt sein.

« Flugtaxis werden kurz- bis mittelfristig kein Massenverkehrsmittel werden. »
Thomas Jarzombek, Koordinator der deutschen Bundesregierung fĂĽr Luft und Raumfahrt

Gespalten in Fans und Skeptiker

Wie immer bei Innovations- und Technologiesprüngen ist die Gesellschaft gespalten. Hier begeisterte Fans, dort vehemente Skeptiker. Den oft genannten Flugtaxi-Vorteilen «weniger Stau, weniger Abgase, Zeitgewinn auf kurzen Strecken» steht in der Tat eine Vielzahl von Bedenken und zu lösenden Problemen gegenüber. Als grösste Herausforderung gilt derzeit die selbstlernende Software. Weitere Themenkreise sind die Basistechnologie (Auto- oder Hubschrauber-Technologie?), die Energieversorgung, rechtliche Aspekte (Haftung, Datenschutz), Sicherheit, die Lärmfrage, Wettersituationen wie Starkregen oder Sturm, die Bereitstellung von genügend Start- und Landeplätzen und die hohen Kosten. Über all dem steht die Grundfrage: Ist der Mensch bereit, die Kontrolle vollständig an eine fliegende Maschine ohne Pilot abzugeben?

Vorerst nicht der grosse Durchbruch – aber wer weiss?

Klar scheint: Die Beschleunigung von Reisen auf Kurz- und Mittelstrecken mittels Flugtaxis wird in einem ersten Schritt nur für einen kleinen, wohlhabenden Kundenkreis in urbanen Umfeldern Realität. Ob sie je zu einem ernstzunehmenden Bestandteil des grossstädtischen Nahverkehrs werden, «ist keineswegs vorbestimmt», bilanziert beispielsweise der Berliner Mobilitätsforscher Andreas Knie. Mehr noch: Mit steigenden Flugtaxizahlen erhöht sich die Gefahr, dass Stausituationen wie heute auf der Strasse auch in der Luft entstehen. Doch wer weiss schon, was die langfristige Zukunft genau bringen wird? Erinnern wir uns an das berühmte Zitat von Kaiser Wilhelm II.: «Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.»

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