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Reich an Armut

Die Schweiz ist das vermögendste Land der Welt. Trotzdem leben über eine halbe Million Menschen unterhalb der Armutsgrenze. So auch Christine Kümin. Sie spricht mit uns über Alltagssorgen, Schamgefühle und Zukunftsträume.

"Die müssen halt mehr arbeiten!" "Ich hab’s auch nicht dicke und schmarotze trotzdem nicht." Das sind nur zwei der Vorurteile, mit denen sich Menschen wie die Kümins konfrontiert sehen. Armut in der Schweiz? Gibt es nicht, kann es gar nicht geben. Dafür ist unser Lebensstandard viel zu hoch, das soziale Auffangnetz viel zu engmaschig.

Falsch gedacht. Denn manchmal braucht es nicht viel, um stabil geglaubte Existenzen ins Wanken zu bringen. "Bei mir stand die Scheidung am Anfang allen Übels", erzählt Christine Kümin. Die 36-Jährige lebt mit ihren beiden Töchtern im zürcherischen Wädenswil. 3’000 Franken stehen ihr monatlich zur Verfügung, "darin eingerechnet Alimente und Leistungen des Arbeitslosenamtes". Fallen erst einmal Krankenkassenprämien, Miete und Nebenkosten weg, bleibt am Ende des Tages immer gleich viel übrig: fast nichts. Und so wird Selbstverständliches wie Winterschuhe, ein Zahnarzttermin oder der Eintritt ins Hallenbad plötzlich zum unerschwinglichen Luxus. Zum Glück gäbe es Organisationen, die Menschen in ihrer Situation unterstützten, lächelt die gelernte Sozialpädagogin. "Beispielsweise die Winterhilfe. Sie ermöglicht meinen Kindern, in einem Sportverein mitzumachen. Das ist toll, denn so haben sie Kontakt zu Gspändli und bewegen sich genug." Ausserdem reihe sie sich einmal wöchentlich in die lange Warteschlange ein, die sich vor der Lebensmittelausgabe bildet. "Ich bin dankbar für jede Art von Unterstützung. Auch wenn es mich zu Beginn grosse Überwindung gekostet hat, diese anzunehmen."

"Ich lasse nicht zu, dass mein Wert als Mensch über Geld definiert wird."

Christine Kümin

Die Angst zu reden
Die Überwindung, von der Christine Kümin spricht, kennt auch einen anderen Namen: Scham. So trauen sich viele Betroffene nicht, ihre tatsächliche Situation offenzulegen, sei es gegenüber ihrem Umfeld oder gegenüber Hilfsstellen. Eine Studie der Berner Fachhochschule schätzt, dass jeder vierte Schweizer auf den Bezug von Sozialhilfe verzichtet, obwohl er eigentlich Anspruch darauf hätte. Zu gross sind die Ängste vor negativen Reaktionen und sozialer Isolation. Diese Ängste hat Christine zu überwinden gelernt. "Bei der Lebensmittelausgabe dachte ich zu Beginn: Gott, hoffentlich sieht mich niemand. Ich wäre am liebsten im Boden versunken, mein Selbstwertgefühl hing in den Seilen." Heute sei das anders. Sie betrachte die schwierigen Umstände als wichtige Lernphase in ihrem Leben. Und sagt mit festem Ton: "Ich bin, wer ich bin. Und ich lasse nicht zu, dass mein Wert über Geld definiert wird."

Über eine halbe Million Betroffene
In einer Gesellschaft, in der viele vieles haben, ist Armut noch immer ein Tabuthema. Dabei gibt es hierzulande 600'000 Menschen, die laut Bundesamt für Statistik als arm gelten. Heisst: Einzelhaushalte mit monatlich weniger als CHF 2’200 Einkommen, vierköpfige Haushalte (zwei Erwachsene, zwei Kinder) mit weniger als CHF 4'000. Am gefährdetsten sind jedoch Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern – und Personen ohne Ausbildung. Allerdings gibt es für sie einen hellen Hoffnungsschimmer: Nur ein kleinerer Teil der Bevölkerung (2,5%) bleibt länger als ein Jahr armutsbetroffen. Viele erreichen innerhalb eines Jahres wieder ein Einkommen, das sie über die Armutsgrenze hievt. Das wünscht sich auch Christine: "Mein Ziel ist es, einen Teilzeitjob zu finden. So könnte ich Arbeit und Familie unter einen Hut bringen. Ich versuche mein Bestes, aber bisher wollte es nicht klappen. Ich denke, Alleinerziehende haben generell einen schweren Stand – auch bei Arbeitgebern."

Anderen Mut machen
Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen. Schreibt weiter Bewerbung um Bewerbung. Und träumt davon, mit ihren Kindern das zu tun, was für andere ganz normal ist: auswärts essen zu gehen, Ski zu fahren oder im Laden jene Kleider zu kaufen, die ihr gefallen. Ebenso wichtig ist es ihr, anderen Mut zuzusprechen. "Traut euch, über eure finanzielle Situation zu reden. Es gibt nichts, wofür ihr euch schämen müsstet. Ihr werdet sehen: Es gehen neue Türen auf."

Versteckte Armut: Mobility hilft

Dieses Jahr unterstützt Mobility die "Winterhilfe" mit einem namhaften Betrag. Die Winterhilfe ist ein Verein, der versteckte Armut in der Schweiz gezielt angeht. Beispielsweise rüstet er Kinder mit Schulmaterial aus, vergibt Kleiderpakete oder beteiligt sich an Gesundheitskosten.

Wir hoffen, mit unserem Engagement einen kleinen Beitrag leisten zu können, Mitmenschen in Not beizustehen.